Zinssensitive Instrumente

Es dürfte kaum jemandem entgangen sein, dass wir seit einigen Jahren bereits in einem noch nie dagewesenen Zinsumfeld leben. Dieses Umfeld hat einerseits zu einer Begünstigung von Schuldnern zu Ungunsten von Sparern (Gläubigern) und andererseits zu einem Anstieg fast aller Asset-Klassen in den letzten 10 Jahren geführt. Es gibt nämlich kaum eine Vermögensklasse die in den letzten Jahren, ausgelöst von rekordtiefen globalen Zinsen und einer veritablen Geldflut der mächtigsten Zentralbanken der Welt, nicht kräftig an Wert zugelegt hätte.

Die zwei Phänomene, niedrige Zinsen und hohe Vermögenswerte, scheinen in der Tat kausal zusammenzuhängen. Dies kann sowohl im Alltag gesehen (Immobilienpreise zum Beispiel in Deutschland seit Jahren im Aufwärtswind), als auch dank Diskontierungsmodellen theoretisch gut erklärt werden. Der Zinssatz welcher für die Diskontierung zukünftiger Cash-Flows verwendet wird, sinkt bei einer Herabsetzung des von der Zentralbank festgelegten Referenzzinssatzes mit und führt automatisch zu einem höheren Bar- oder Kapitalwert. Dieser kausale Zusammenhang zwischen Zinssatz und Vermögenswert wird in der Fachliteratur oftmals als einer der mächtigsten Triebkräfte in den Finanzmärkten beschrieben.

Bedeutung

Der Zinssatz, auch Zinsfuß, ist der in Prozent ausgedrückte Preis für geliehenes Kapital, also der Zins als Prozentangabe, beispielsweise auch für den Kauf von Vermögenswerten. Bei einem Kredit ist der Zinssatz der prozentuale Unterschied zwischen dem ausgeliehenen und dem später zurück zu zahlenden Betrag unter Berücksichtigung der verstrichenen Zeit. Wenn Sie also beispielsweise 100 Euro aufnehmen und ein Jahr später 120 Euro zurückzahlen müssen, dann liegt in diesem Fall der Zinssatz bei 20% per annum.

Beim Zinssatz sollte aber nicht nur auf den nominalen Wert, sondern auch auf den realen geachtet werden. Beim realen Zinssatz wird der nominale Wert nämlich um die Inflation angepasst. So wäre bei einem Zinssatz von 2% und einer Inflationsrate von 1% der reale Wert 1%.

Unterschiedliche Zinssätze

Es gibt verschiedenste nominelle Zinssätze die von den folgenden Faktoren abhängig sind:

  1. Der Zeithorizont des Kredites. Ob es sich also um einen kurzfristigen oder längerfristigen Kredit handelt;
  2. Die Anzahl und Frequenz der Rückzahlungen (jederzeit, monatlich, vierteljährlich, halbjährlich, jährliche etc);
  3. Das Kredit-Rating des Schuldners;
  4. Das Finanzinstitut welches den Kredit gewährt;
  5. Die vom Schuldner gegebenen bzw. verfügbaren Sicherheiten;
  6. Der Verwendungszweck des Kredits.

Aber nicht nur die privaten Kreditnehmer müssen Kapital aufnehmen, auch die Banken müssen vor der Kreditvergabe Kapital aufbauen. Dies können sie auf verschiedene Arten tun:

  1. Durch die Kreditaufnahme von anderen Banken via dem Interbanken-Markt.
  2. Durch die Aufnahme von Geld von den Zentralbanken (zum Refinanzierungszinssatz)
  3. Durch die Begebung von Anleihen an den Finanzmärkten
  4. Durch die Aufnahme von Sparkonten von privaten und institutionellen Sparern.

Normalerweise wird bei der Vergabe von Krediten der Euribor-Zinssatz als Referenz verwendet. Dies ist der Zinssatz den sich Banken gegenseitig für die Kapitalaufnahme – sowie Vergabe verrechnen. Kreditnehmer müssen normalerweise je nach Kredit-Rating einen Aufschlag auf den Euribor-Zinssatz zahlen. In Ausnahmefällen (bei erstklassigen Kreditnehmern) kann der verrechnete Zinssatz unterhalb des Euribor liegen. Die Regel ist aber dass sogar Unternehmen mit einer gesunden Bilanz und einem exzellenten Rating etwas mehr als den Euribor-Zinssatz zahlen müssen. Im Gegensatz dazu müssen kleine Unternehmen mit wenigen besicherungsfähigen Vermögenswerten signifikant höhere Aufschläge berappen, da sie aus Bankensicht ein wesentlich höheres Risiko darstellen.

Neben den Zinssätzen auf Privat- und Unternehmenskredite, gelten auch die Zinssätze auf Staatsanleihen als Referenz für viele Marktteilnehmer. Historisch gesehen ist hier das Zinsniveau im Moment einmalig. So wird auf 2-jährige deutsche Staatsanleihen derzeit ein negativer Zinssatz von -0.32% „bezahlt“. Anders ausgedrückt finanziert sich der deutsche Bundeshaushalt im Moment zu negativen Zinsen, was nichts anderes heißt, als dass weniger zurückbezahlt werden muss als aufgenommen wurde.

Für den deutschen Sparer ist hingegen dieses Szenario extrem negativ, da viele Staatsbürger sehr konservativ ihr Geld in Spareinlagen parken oder via Lebensversicherungen bei deutlich gesunkenen Garantiezinsen veranlagen.

Beweggründe der Zentralbanken

Generell gibt es viele Gründe für Zentralbanken an der Zinsschraube zu drehen.

Für eine Anhebung sprechen zum Beispiel:

  1. Bekämpfung einer steigenden oder zu hohen Inflation. Durch die Anhebung der Zinssätze wird die Versorgung der Wirtschaft mit Geld gedrosselt wodurch es in der Regel zu einer Abkühlung kommt.
  2. Die Notwendigkeit die eigene Währung zu stützen. Dies ist oftmals ein Instrument zu dem Zentralbanken aus Entwicklungsländern zurückgreifen, um das Vertrauen internationaler Investoren wieder herzustellen. Ein gutes Beispiel dafür war die Zinsanhebung der russischen Zentralbank (Bank Rossii) im Zuge des Konfliktes mit der Ukraine.
  3. Wenn der Staat ein höheres Defizit einfährt und es zum derzeitigen Zinsniveau von Investorenseite nicht ausreichend Appetit auf Staatsanleihen gibt, dann kann eine Zinserhöhung unter Umständen helfen.
  4. Wenn es aufgrund von Zinserhöhungen ausländischer Zentralbanken zu einer Abwertung der eigenen Währung gekommen ist.

Zinssenkungen, wie bei der Europäischen Zentralbank in den letzten Jahren, können hingegen folgende Motive haben:

  1. Expansive Geldpolitik der Zentralbank um in Schwierigkeiten geratene Schuldner (Banken) zu helfen.
  2. Auf Zurufe von Industrie und Gewerkschaften, um die Wirtschaft anzukurbeln.
  3. Mit der Zielsetzung die eigene Währung abzuwerten und exportgetriebenes Wachstum auszulösen.
  4. Um deflationäre Tendenzen in der Wirtschaft zu bekämpfen.

Zinsen und Auswirkungen auf die Wirtschaft

Die konventionellen und häufigsten Auswirkungen einer Zinsanhebung auf die Wirtschaft sind:

  1. Rückgang der private Investitionen;
  2. Rückgang des Konsums;
  3. Rückgang der Profitabilität der Unternehmen;
  4. Ein zumindest kurzfristiger Fall im Wert der meisten Finanzinstrumenten;
  5. Ein Zustrom von ausländischem Kapital;
  6. Ein Anstieg des Wechselkurses der eigenen Währung;
  7. Höheres Einkommen für Sparer;
  8. Neuverteilung des Einkommens zu Gunsten der Sparer und zum Nachteil der Schuldner.

Diese Effekte gelten spiegelverkehrt für eine Zinssenkung.

Nach dem wir uns die Auswirkungen auf die Realwirtschaft angesehen haben, möchten wir nun im zweiten Abschnitt die Auswirkungen von Zinsänderungen auf die verschiedenen Anlagekategorien betrachten.

Auswirkungen auf die verschiedenen Vermögensklassen

Spareinlagen und Sparbücher

Die Deutschen sind dafür bekannt einen Gutteil ihres finanziellen Vermögens in Sparbüchern und Spareinlagen zu parken. Erstmals in der Geschichte übertreffen Bargeld und Spareinlagen die 2 Billionen Euro Grenze während gleichzeitig die Neuverschuldung stagniert. Damit ist das Nettovermögen (also Vermögen minus Schulden) im Vergleich zum Vorjahr um ganze 4% angestiegen.

Trotz der geringen Sparzinsen welche nach Abzug der Inflation real sogar negativ sind, wählen viele Mitbürger diese risikoarme Sparform. Wer etwas höhere Zinsen haben will muss längere Kündigungsfristen wählen. Des weiteren hängt der Zinssatz davon ab, ob es sich um ein Kündigungsgeld oder um eine Spareinlage handelt. Erstgenannte können jederzeit gekündigt werden, während Spareinlagen auf eine bestimmte Zeit abgeschlossen werden.

Fazit: Eine Anhebung der Zinsen hätte für die Sparer, wenn auch nicht unmittelbar da die Banken in der Regel einige Wochen bis Monate zuwarten, mittelfristig positive Effekte auf die deutschen Sparer.

instrumente zum Sparen?

Lebensversicherungen

Auf Mario Draghi sind die wenigsten Assekuranzen im Moment gut zu sprechen. Die radikalen Schritte welche die EZB in den letzten Monaten eingeleitet hat und welche bereits die deutschen Sparer via Spareinlagen schwer getroffen haben, drohen nun auch bei den klassischen Lebensversicherungen für Ungemach zu sorgen. Kaum einer gelingt es momentan nämlich die Garantiezinsen einzuspielen und so werden die über Jahrzehnte aufgebauten Reserven langsam angeknabbert. Früher sprudelten hingegen die Erträge über dem Garantiezins nur so. Versicherungsnehmer konnten lange Zeit nämlich von drei zusätzlichen Ertragsquellen profitieren. Neben dem Garantiezins gab es noch reichlich Zins-, Risiko- und Kostenüberschüsse. Dies hat die klassische Lebensversicherung bei weitem zum beliebtesten Vorsorgeprodukt der Deutschen gemacht. Jetzt aber scheinen diese Zeiten vorbei zu sein und alle drei Quellen versiegen gleichzeitig. Am meisten wiegt hier mit Sicherheit die Zinsflaute. Ein Zinsanstieg würde den Versicherungsnehmern und auch den Assekuranzen ohne Zweifel helfen, wie schnell und wie stark würde aber vom Tempo dieses Anstieges abhängen. Bei einem rasanten Ansteigen des Zinsniveaus würden sich die Erträge zwar erholen, dies würde aber langsam passieren, da sich ja ein Großteil des Deckungsstockes der Versicherungen in langfristigen Anleihen befindet und diese nur langsam rolliert werden können. Auch würden sich noch weitere Probleme bei einem schnellen Anstieg ergeben. Durch den enormen Bestand an älteren Anleihen mit niedrigen Coupons, würde die durchschnittlichen Erträge des Portfolios unter dem Marktzins fallen. Auch würden die über die letzten Jahre aufgebauten stillen Reserven schnell dahinschmelzen.

Bei einem etwas gemäßigteren Erhöhung der Zinsen würden die negativen Nebeneffekte des schnellen Anstiegs großteils wegfallen und auch der Garantiezins könnte so graduell nach vielen Jahren wieder ansteigen.

Fazit: In Summe wären ein Anstieg der Zinsen für Lebensversicherungsnehmern je nach Tempo neutral bis positiv zu sehen.

Aktien

Obwohl bei Aktien oftmals weniger auf das Zinsniveau als auf die ökonomische Entwicklung der Unternehmen und der Wirtschaft generell geschaut wird, hat der Zinssatz über den anfänglich besprochenen Zusammenhang zwischen Diskontierungszins und zukünftig erzielbaren Cash-Flows, deutliche Auswirkungen. Hierbei muss aber wenn man die Geschichte studiert zwischen kurzfristigen und mittel- bis langfristigen Auswirkungen unterschieden werden. Die Aktienmärkte haben in Vergangenheit auf Zinsanhebungen meistens kurzfristig mit Verlusten reagiert, nach der Verdauung dieses Schocks aber kurz darauf angesichts des herrschenden Optimismus und der sich bessernden wirtschaftlichen Lage, ihren Auswärtstrend wieder wenig später fortgesetzt.

Am ehesten sind noch bei Dividendenaktien aus risikoarmen Sektoren wie den Versorgern, Telekommunikationsunternehmen oder Versicherungen mit nachhaltigen Verlusten zu rechnen. Warum? Weil sie aufgrund relativ hoher Dividenden die in Phasen niedriger Zinsen meistens über dem Marktniveau auf Anleihen oder Spareinlagen liegen, natürlich häufig als Substitute für diese Anlagekategorien verwendet werden. Ein Anstieg des Zinsniveaus bei Anleihen, Lebensversicherung oder Spareinlagen macht diese aber dann, im Vergleich zu oben genannten Aktien, wieder deutlich attraktiver. Ob und wie stark Dividendenaktien bei einem Anstieg der Zinsen verlieren würden, hängt auch von Faktoren wie ob Unternehmen reichhaltige Cash-Bestände halten, ob ihre Schulden fest- oder variableverzinslich sind und einigen anderen Faktoren ab. Wachstumsaktien die wenig bis gar keine Dividenden zahlen, sollten hingegen deutlich von einer Aufhellung des wirtschaftlichen Umfeldes profitieren und daher auch nicht von einem Zinsanstieg sonderlich negativ betroffen sein.

Fazit: Gemischte Bild bei Aktien. Dividendenaktien sollten jedenfalls stärker unter einem Zinsanstieg leiden als Wachstumsaktien mit keinen oder geringen Dividendenanteil. Generell sollten die Auswirkungen auf den Aktienmarkt kurzfristig neutral bis leicht negativ sein, mittelfristig aber über eine bessere Konjunktur ist ein derartiges Szenario durchwegs positiv zu sehen.

Rohstoffe

Obwohl der Hype um Rohstoffe seit 2011 etwas nachgelassen hat, darf nicht vergessen werden, dass Rohstoffe die großen Gewinner fallender Zinsen im letzten Jahrzehnt waren. So lag der Goldpreis 2005 bei knapp über 400 US-Dollar und notiert in der Zwischenzeit bei rund 1200 US-Dollar (nach dem er bis auf fast 2000 Dollar gestiegen war). Dies ist beinahe eine Verdreifachung in rund 10 Jahren und zeigt wie sensitiv der Goldpreis auf die fallenden Zinsen sowie auf die enormen Geldmengen im Finanzsystem reagiert hat. Auch der Silberpreis konnte sich in dieser Zeit mehr als verdoppeln. Da das Halten von Rohstoffen bei niedrigen globalen Zinsen attraktiver ist (via Opportunitätskosten und Substitutionseffekten), sollten ceteris paribus die Edelmetalle bei einem Anstieg der Zinsen wiederum leiden. Bei Industriemetallen wie Kupfer, Stahl oder Aluminium ist eher von einem gemischten Effekt auszugehen. Einerseits machen höhere Zinsen hier diese Rohstoffe ebenfalls weniger attraktiv, die mit steigenden Zinsen in der Regel einhergehende brummende Wirtschaft sollte aber dies mehr als kompensieren und zu Preisanstiegen bei Industriemetallen und anderen Rohstoffen sorgen.

Fazit: Zinsanhebung hätte deutlich negative Auswirkungen auf Edelmetalle. Bei den Industriemetallen ist dieser Effekt aber neutral bis leicht positiv zu beurteilen.

Währungen

Ein immer beliebteres Instrument bei institutionellen wie privaten Investoren ihre Markterwartungen auszudrücken, sind Währungen. Der Währungsmarkt ist in der Tat in der Zwischenzeit mit 4 Billionen US-Dollar täglichem Handelsvolumen bereits deutlich größer als die Weltwirtschaft. Und hier haben natürlich die einzelnen Zinsniveaus bedeutende Auswirkungen auf die verschiedenen Währungspaare. Wie im ersten Abschnitt bereits erklärt, kann das Währungsniveau das explizite oder lediglich implizite Ziel einer Notenbank bei der Festsetzung des Leitzinssatzes sein. Generell ist die Relation zwischen Zinssatz und Währung ziemlich einfach und linear.

Steigende Zinsen wirken sich auf die Währung des Landes oder des Währungsraumes (wie im EU-Raum) positiv aus und führen zu einer Aufwertung. Eine Zinssenkung hingegen führt durch Kapitalabflüsse internationaler Investoren zu Währungsverlusten.

Die in diesem Artikel angeführten Auswirkungen von Zinsänderungen auf die einzelnen Vermögenswerte sind stark vereinfacht, da sich in Wirklichkeit an den Märkten ständig verschiedene Effekte unterschiedlicher Stärke, überlagern. Als generelle Richtlinien eigenen sich diese dargestellten Zusammenhänge aber sehr gut und sollten auch für Investmentprofis sowie Anfänger immer im Hinterkopf behalten werden.
970x250

Zinssensitive Instrumente was last modified: November 1st, 2015 by Deutsche Forex Broker